Die Nackten und die Reichen

Als Eröffnungsfilm 2017 zeigte Frameout im Rahmen des MQ „Summer of Movement“ den österreichisch-argentinischen Spielfilm DIE LIEBHABERIN von Lukas Valenta Rinner. Der Film zeigt die Geschichte des Hausmädchens Belén, die bei einer reichen Familie arbeitet, angesiedelt in den Außenbezirken von Buenos Aires. Belén entdeckt, nahe der Luxusanlage, ein Nudistencamp. Sie wird dort Mitglied und lebt eine zweite Identität zwischen Zügellosigkeit und Harmonie, bis eines Tages die reiche Community die Subkultur entdeckt und vertreiben möchte.

Ein Interview mit dem Regisseur Lukas Valenta Rinner führte Frameout Redakteurin Britta Rotsch.

 

Der Regisseur sucht nach ihm Unbekanntem und neuen Lebensräumen
Der Regisseur sucht nach ihm Unbekanntem und neuen Lebensräumen

 

Frameout: Welche gesellschaftlichen Bewegungen repräsentiert DIE LIEBHABERIN?

Lukas Valenta Rinner: Seit der Wirtschaftskrise 2001 in Argentinien haben sich in der verarmten Provinz von Buenos Aires immer mehr "Gated Communities", also Hochsicherheitsviertel der Superreichen, gebildet. Der Film setzt sich mit dieser Tendenz, aber auch mit Gegenbewegungen auseinander, wie einem libertären Nudisten-Sexclub, der im Nachbarschaftsstreit mit der Community der Reichen ist.

Frameout: Wie könnte man die Subkultur beschreiben, die im Film präsent ist? Welche Eigenschaften machen sie aus?

Lukas Valenta Rinner: „Palos Verdes“, ein realer Nudisten Sexclub in der Provinz von Buenos Aires, ist ein Wochenend-Club, in dem Nacktheit, Tantra, Orgien, aber auch Grillfeste und Karaoke zelebriert werden. Im Sommer kommen bis zu 500 Besucher in den riesigen dschungelartigen Garten und baden in den römischen Bädern, grillen Fleisch oder besuchen eine der vielen Orgien-Räume. Im Gegensatz zur europäischen FKK-Kultur und Swinger-Clubbewegung ist der Klub aber sehr geheim und niemand spricht offen darüber.

Frameout: Die Hauptfigur Belén entpuppt sich vom stillen Hausmädchen zu einer Art von Revolutionärin. Was treibt sie an, wie kann es zu dieser Entwicklung kommen?

Lukas Valenta Rinner: Man erfährt im Laufe des Films sehr wenig über Belén, ihre Vergangenheit und ihre Motivationen. Und das ist auch ganz bewusst so, denn ich wehre mich gegen eine Form der Kinoerzählung in der alle Widersprüche der Figuren glattgebügelt und auserzählt werden. Ich beginne ein neues Projekt meistens als Suche nach etwas mir Unbekanntem, nach neuen Lebensräumen und Lebensformen. Ich hoffe, dann im Laufe der Entwicklung des Films selbst Neues zu entdecken und für das Publikum etwas von dieser Reise zurückzubringen.

 

Frauenhausarbeit in den "Gated Communities": ist sehr geheim und niemand spricht darüber

 

Frameout: Was war dein Fokus, als du das Drehbuch geschrieben hast?

Lukas Valenta Rinner: Wir haben das Buch im Team geschrieben. Ich gab meistens die Linie, Stimmungen und generell die Figuren vor, und dann entwickelten die Autorinnen und Autoren den eigenen Szenenblock weiter. Besonders Martin Shanly, Coautor und Schauspieler im Film, hat sehr viel von seiner persönlichen Erfahrung in einer „Gated Community“ eingebracht.

Frameout: Der Film hat viele beobachtende, fast meditative Momente und immer wieder eskaliert die Handlung. Warum diese radikale Erzählstruktur?

Lukas Valenta Rinner: Ich bin ein großer Fan der japanischen Pink Movies aus den 1960er Jahren, besonders Koji Wakamatsu. In dieser Mischung aus Erotik- und Kunst-Filmen bricht am Ende oft die Revolution aus. Ich fand das dann sehr passend für unseren Film.

 

Regisseur Rinner mag Filme, in denen am Ende oft die Revolution ausbricht

 

Frameout: Gibt es einen zeitaktuellen Bezug, warum du die Themen Ausgrenzung und Widerstand gewählt und verarbeitet hast?

Lukas Valenta Rinner: Seit einigen Jahren haben sich die sozialen Unterschiede in Argentinien dramatisch verschärft. Eine reiche Oberschicht lebt völlig abgeschottet von der Außenwelt, während rund um sie die Armenviertel täglich wachsen und sich die soziale Spannung immer weiter aufschaukelt. Auch wenn der Film versucht diese Unterschiede mit Humor zu überzeichnen, gibt es doch einen sehr realen und politischen Untergrund, auf dem der Film gebaut ist. Ich glaube, DIE LIEBHABERIN hat in den letzten Monaten noch eine ganz reale politische Ebene dazu erhalten. Der Film thematisiert ja eine Gesellschaft, die durch eine Mauer getrennt ist. Damit ist das Thema der nationalen Abschottung gegen „das Fremde“ omnipräsent. Ich glaube, dass auch deshalb der Film für ein Publikum sehr greifbar ist.

 

DIE LIEHABERIN hat am 1. September 2017 Kinostart in Österreich und am 15. September in Deutschland.

Lukas Valenta Rinner, geboren 1985 in Salzburg, studiert Filmwissenschaft in Barcelona (ECIB) und in Buenos Aires (Universidad del Cine). 2010 läuft sein Kurzfilm "A Letter To Fukuyama" bei Bafici und Diagonale. Seinen Durchbruch schaffte der Österreicher mit seinem Spielfilmdebüt "Parabellum" 2015. Zudem gründete er die unabhängige Produktionsfirma Nabis Filmgroup mit Sitz in Argentinien (Buenos Aires) und Österreich (Salzburg).

 

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