Welcher Exzess ist am Samstagabend erlaubt?

breadface-Blog auf Instagram, toller Fetisch, bei dem eine fesche Frau ihr Gesicht in Brote drückt

Frameout hat sich 2017 an sechs Abenden dem diesjährigen MQ Motto Summer of Movement angeschlossen. An allen Kino Abenden geht es um Formen von Aktivismus, Aufbegehren, um das politische Aufstehen und Widerstände - um sogenannte Bewegungen. Was diese ausmacht, auch und vor allem in der postdigitalen Internetkultur, darüber hat Frameout Redakteurin Britta Rotsch mit der Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin Andrea Maria Popelka gesprochen.

Frameout: Was ist eine Bewegung?

Andrea Maria Popelka: Was eine Bewegung ausmacht, kann und will ich gar nicht definieren. Dieser Begriff legt ja von sich aus nahe, dass wir ihn dynamisch und offen halten müssen. Das erste Moment der Bewegung ist für mich der Körper oder die Körper, die einander über Energiefeuer vereinigen. Sie erheben gemeinsam Anspruch auf den öffentlichen Raum und stellen ihn dadurch gleichzeitig her. Die Körper sind darin auf gewisse materielle Gegebenheiten angewiesen. Da ist der Boden, auf dem sie entlangschreiten, Architekturen, die sie gemeinsam aktivieren, Medien, über die Nachrichten miteinander geteilt werden etc. Die Körper produzieren im Austausch mit ihrer Umgebung und den Medien eine Art politisch-kinetische Energie. So etablieren sie jeweils performativ und aufs Neue eine Bewegung und ihre semantische Bedeutung. Diese von Judith Butler informierte Vorstellung widerspricht allerdings nicht der Möglichkeit eines Ideen-Rückgrats und einer beständigen Solidarität von Gruppen über die Zeiten hinweg.

Frameout: Wir zeigen auch den Film RAGE, ein Film über die Technobewegung. Nun ist diese nicht vordergründig eine politische, sondern definiert sich eher über ihre Musik und ihre Partykultur. Kann solch eine Bewegung wie die Technobewegung als Subkultur politisch sein und wenn ja, wie?

Andrea Maria Popelka: Die Frage ist, wie man Politik definiert. Für mich beginnt sie dort, wo normative Ordnungen – Welches Subjekt solltest du sein? Wie ist ein Leben zu leben? Welcher Exzess ist am Samstagabend erlaubt? – überspitzt, verzerrt, überschritten, ihnen insgesamt entglitten wird. Es gibt eine Lust an der Maskierung, am Verlassen vom Zeitregime, aber auch an Ausbruch und Aggression – wie RAGE schon sagt. Das hat für mich mit Begehren, Körper und solidarischen Affekten genauso viel zu tun, wie mit politischen Inhalten und Gesellschaftskritik. An gelungenen Clubabenden gibt es eine feine Ambivalenz zwischen dem radikal autonomen Ausdruck der Einzelnen und Körpergrenzen, die viszeral in Schwingung gebracht werden. Die Musik verschmilzt mit dem Rhythmus des pochenden Blutes und verlässt diese Gleichförmigkeit zugleich zugunsten eines unmenschlichen Sounds. Der Techno lässt Gemeinsamkeit in der Differenz zu. Er bot einen Raum frei von Verzweckung und der Instrumentalisierung entrückter Performanz durch eine singuläre Message – und tut das hoffentlich noch bis heute ab und an. Interessant ist dann auch zu fragen, auf welche Formen von Macht und Einschränkung von Begehren Subkulturen antworten und was sie uns über ihren geschichtlichen Kontext erzählen.

 

Zeigt gegenwärtig die liebste Körperpraxis von Andrea Maria Popelka: das Boxing

 

 

Begehren, Körper und solidarische Affekte

 

Frameout: Was ist Aktivismus in der heutigen postdigitalen Zeit?

Andrea Maria Popelka: Ich denke, dass sich die Formen des Aktivismus pluralisiert haben. Wir müssen jetzt nicht nostalgisch um verstorbene Formen des Aktivismus trauern. An einem rezenten Beispiel wie dem G20 können wir sehen, dass verschiedene Formate amalgamieren. Mit all den Bescheuertheiten, die da am Werk sind … Die digitale und essayistische Debatte kann bei solchen Aktionen einen Schutzgürtel um die Protestierenden vor Ort legen. Drohnen etwa können den Protestierenden helfen, die Aktionen der Polizei zu dokumentieren. Natürlich braucht es einen historisch-differenzierten Blick, der sich die zeitgenössischen Vorgangsweisen in ihrem Kontext ansieht und als Kippfiguren zwischen Nützlichkeit und Vereinnahmungsgefahr betrachtet. Wie kann mit der Anfälligkeit von digitalen Medien für Überwachung und Vereinnahmung umgegangen werden? Einige Künstler*innen und Aktivist*innen wenden den gaze of surveillance, wie man vielleicht sagen könnte, gegen die überwachenden Institutionen, wie Laura Poitras, Trevor Paglen oder Simon Denny.

Frameout: Bewegungen sind Kräfte eines Widerstandes, die sich über kollektive Identitäten und gemeinsame Ziele formieren. Inwiefern kann der digitale Raum eine Chance sein, homogene Gruppen aufzubrechen, um Bewegungen für mehr Heterogenität zu öffnen, um mehr Reichweite zu erlangen, die letztlich auch durch den Zuwachs an mehr Menschen auch mehr bewegen könnte?

Andrea Maria Popelka: Mein Ziel wäre es in dem Fall nicht, möglichst viele Menschen, im Sinne eines quantitativen Gedankens, in eine Bewegung einzuspeisen. Aber die Frage nach dem Potential des Internets, heterogene Inhalte und Verbindungen herzustellen, wird immer wieder gestellt. Wie wir wissen, bauen Unternehmen wie Facebook und Google mittels von ihnen vermutlich selbst nicht durchdrungen Technologien wie Algorithmen an Suchhierarchien und filter bubbles. Sie sorgen für homogenisierte Informationsräume im Internet. Über die unterschiedliche Nutzung von journalistischen Kanälen differenzieren sich einzelne UserInnen-Sphären, die scheinbar völlig unterschiedliche Wirklichkeitsbegriffe haben. Die Begriffe von Wirklichkeit scheinen generell ziemlich prekär zu sein und es wäre wichtig zu sehen, wann das Verhältnis zu Wissensproduktionen in Journalismus und Wissenschaft derart gekippt ist. Das Internet erscheint nicht mehr als dreamy, heterogener Space, in dem wir uns nach den ersten Klicks mit unerwarteten Inhalten und Avataren vermengen. Wobei Leute wie Wendy Chun feststellen, dass das Internet schon immer ein Kontrollprotokoll, also unfrei war. Dennoch halte ich nichts davon, wenn wir alles als geschlossen und vom Kapitalismus vereinnahmt betrachten. Auf Plattformen wie Twitter und Instagram produzieren Bots und User*innen extrem intelligente und witzige Inhalte. Über diesen fiesen, messerscharfen Humor lässt sich die härteste, un-didaktischste Kritik üben, die dennoch verdaubar ist und vielleicht neue Allianzen schafft. Das sieht für mich alles andere als freiheitsarm aus.

 

Der Instagram-Account von NON WORLDWIDE, einem radikalen Musik-Kollektiv.

Zeigt den Instagram-Account von NON WORLDWIDE, einem radikalen Musik-Kollektiv

 

Mit Kunst und Strategien gegen ermattete Hashtag-Hypes

 

Frameout: Oft gibt es einen kurzen „Aufschrei“ und dann verschwindet die Hochkonjunktur einer Bewegung, wenn wir an die feministische Internetdebatte #aufschrei zurückdenken. Auf einmal war diese Debatte in aller Munde und nach einer starken virtuellen Präsenz schwächte sie zugleich wieder ab, sodass sie jetzt beinahe nur noch als kollektive Erinnerung des Internets abzurufen ist. Wie kann das sein, dass solch eine starke thematische wie auch geschichtlich aufgeladene und immer wiederkehrende Debatte an einem Tag auftaucht und kurze Zeit später passé ist?

Andrea Maria Popelka: Meiner Meinung nach ist das eine Illusion, die gerne von außenstehenden Parteien konstruiert wird. Medien, die im Grunde kein Interesse an anti-diskriminatorischem Engagement haben, hypen gewisse Themen, aus Angst etwas zu verpassen. Die kontinuierliche Arbeit, die geleistet wird und das damit verbundene Bewusstsein, ist allerdings nicht Teil ihrer allgemeinen Berichterstattung oder ihrer internen Unternehmenspolitik. Es mag also schon sein, dass ein Hashtag-Hype ermattet, aber insbesondere in Hinblick auf feministische und anti-rassistische Arbeit lässt sich sagen, dass unterschiedliche Personen und Kollektive seit Jahrzehnten problematisieren, sich für Austausch und Veränderungen einsetzen, Texte, Kunst, Musik und Strategien produzieren. Dies sind häufig Kämpfe von marginalisierte Gruppen und Personen, deren Arbeit bewusst unsichtbar gehalten wird. Historische und zeitgenössische Widerstände sehen zu lernen und anders anzuerkennen, ist eine Aufgabe, die wir noch zu leisten haben.

 

 

Andrea Popelka lebt in Berlin. Sie ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Kuratorin. Popelka hat Ausstellungen in der ACUD gallery, Berlin, dem Phyletischen Museum in Jena, dem Tieranatomischen Theater in Berlin und der Kunsthalle Wien co-kuratiert. Popelka interessiert sich anschließend an Michel Foucault für die „Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“ und inwiefern sich diese auf ein widerständiges Kuratieren anwenden lässt.

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